Ein Eichenbalken steht vor mir .
Ich habe ihn für einen Obolus bekommen.
Für einen kleinen Teil von ihm steht ein verbindender Plan fest.
Aber ein großer Teil steht jetzt hier.
Für mich ist er wertvoll.
Er war mal Teil eines Hauses.
Hat Nägel in sich und auch Klemmen für einen Leitung.
Er war mal eine Stütze.
Er hat noch Rinde an sich aber auch viel morsches Holz.
Er wird bestaunt von meinen Schwiegereltern.
„der sieht toll aus, aber den schleifst du nicht, er hat Geschichte geschrieben“
Ich habe aber ein neues Schleifgerät, aussortiert von aus einer Werkstatt deren Umfang kaum vorstellbar ist und mitgebracht von einem Herzensmenschen.
Ich will es unbedingt ausprobieren.
Aber ja, irgendwie hat meine Schwiegermutter Recht.
Er ist eigentlich gut wie er ist.
Aber meine Neugier auf das Gerät ist größer.
Ich lege ihn auf meinen Arbeitsplatz und fange ganz vorsichtig an die Rinde etwas freizulegen damit sie besser zur Schau gestellt werden kann.
Ich merke, dass alles darum morsch ist.
Und einmal angefangen kann ich nicht stoppen. Alles Altholz kommt runter.
Der Schleifer schleift vorzüglich und es macht mir große Freude.
Immer wieder halte ich kurz inne: ist es doch zu viel, was ist mit seinem Charme?
Aber dann mach ich doch weiter.
Die Maserung kommt jetzt so schön zur Geltung, das Holz darunter ist stark.
Vielleicht ist es wie bei uns Menschen.
Man sieht uns alle Spuren an. Man wirkt schon Mal spröde, verletzbar aber auch verletzend.
Wir tragen Dinge mit uns. Oberflächlich erkennt man vielleicht nur ein paar Kleinigkeiten aber je tiefer man kommt desto stärker wird der Kern.
Ich habe das Gefühl dass der Balken unter meinen Händen erstarkt, er wird glatt, ich muss nicht mehr vorsichtig sein, damit Altes nicht abgeht oder ich mir Splitter zuziehe.
Alles alte liegt auf dem Boden, in meinen Haaren , dem Tisch, dem Schuhen.
Es ist ein Prozess.
Wie das Leben selber.
Wir haben alle diesen Kern.
Diese Stärke, diese Schönheit.
Manchmal kann man sie selber erst sehen wenn man manche Dinge ablegt, nicht festhält an Gewohnheiten, den Schmerz des Schleifens aushält und spürt, was trotz allem noch in einem schlummert.
So wie dieses Stück Holz ein starker Baum war und somit Teil der Natur, so war er Jahrzehnte eine Stütze für ein Haus oder eine Scheune. Er war wichtig.
Jetzt muss er weg und landet eben hier
Bekommt eine neue Aufgabe. Denn ein Stück wird ein Teil einer Herzensangelegenheit und das größte Stück zeigt wie wichtig es ist genau hin zusehen.
Altes vermodertes abzulegen um zu etwas vorzudringen was Kraft und Glauben schenkt.
Mein Balken wird Träger eines Lichtes, dabei ist er der Protagonist.
Ein Spender.
Heute habe ich Sehnsucht mit Thomas zu sprechen. Ihm alles zu erzählen was mir bisher so passiert ist, was ich vorhabe, wie es mir geht.
Auch wenn er es alles sieht, ich würde gerne neben ihm sitzen und seine Reaktion dabei beobachten.
Dabei fällt mir auf, dass es eigentlich wie mit dem Eichenbalken ist.
Er war wichtig, er war ein Teil der Welt , eine Stütze und auch wenn seine Zeit vorbei war ist er immer noch wichtig.
Wie ein Schleifer werden immer wieder neue Erinnerungen frei gelegt und das schönste von ihm bleibt übrig.
Ein sehr schöne Gefühl überkommt mich und ich bin froh, dass ein starker Kern übrig bleibt!
Mein Teil in der Geschichte wird weiter geschrieben, meine Aufgaben sind noch nicht vorbei, ich bin wichtig.
Also lege ich Altholz ab.
Vertraue auf den Kern der mich durchs Leben trägt und den ich gerne teile.


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