Ein Jahr geht vorbei

Ich habe keine Lust darüber nachzudenken.

Ich habe keine Lust mich damit auseinanderzusetzen.

Ich habe keine Lust zu weinen.

Ich habe keine Lust in das Gefühl zu steigen.

Ich habe immer noch keine Lust es zu akzeptieren.

Ich habe immer noch keine Lust ohne ihn zu leben.

Ich habe keine Lust auf alle Anstrengungen.

Ich habe keine Lust den Donnerstag zu planen.

Aber es kommt eben doch über mich. Unberechenbare Gefühlswelt.

Der laue Abend, Dunkelheit, Einsamkeit.

Da falken sie in mich. Die Erinnerungen:

Letztes Jahr war dieser Tag ein Sonntag.

Meine Eltern kommen zu Besuch.

Sie haben uns länger nicht gesehen.

Thomas ist schon etwas verwirrt. Manche Dinge weiß er nicht mehr. Bevor meine Eltern kommen, frage ich ihn mit einem Lachen um die Situation für ihn nicht so schwer zu machen:

Na, wie heißen meine Eltern? Weißt du es noch?

Er wusste es noch.

Aber als meine Eltern kommen, sehen sie was in zwei Wochen passiert ist. Mit ihm, seinem Körper und seinem scharfen Verstand.

Ich erinnere mich an die Brombeerenzeit in der ich Gelee gekocht habe und er mir keinen Dreisatz ausrechnen konnte.

Ich erinnere mich an die Mücken , die ihn gestochen haben, während ich noch ein Bier draußen getrunken habe.

Ich erinnere mich an die ersten Elternabende. So wie morgen den. Zu dem konnte ich noch gehen, zu dem der folgt, bei meiner Tochter, nicht mehr.

Ich erinnere mich , dass ebenfalls bei Lidl das Mars Eis im Angebot war genau wie heute.

Ich erinnere mich an seinen letzten Mars Eisriegel.

Und ich erinnere mich an diese Nacht, die heute war.

Als er verwirrt neben dem Bett saß, als diese rasselnde Atmung einsetzte, Unruhe.

Ich erinnere mich wie ich mich übergebe, weil ich nicht mehr kann , ich erinnere mich wie ich bei meiner Mutter anrufen, dass sie kommen soll.

Ich erinnere mich, wie meine Nachbarin mir Händchen gehalten hat, wie ich sie mitten in der Nacht rausgeklingelt habe.

Eben erscheint mir die Frage warum ich diese Zeit nicht neben ihm verbracht habe, sondern draußen auf der Bank vor dem Haus…

Ich kenne die Antwort:

Angst.

Er war am schlafen und ich lange nicht mehr.

Ich hatte so eine Angst um ihn, um mich und die Kinder. Um unsere Familie. Um jeden lieben Menschen…

Wie soll es werden? Was kommt auf uns zu?

Es ist nicht fassbar , dass alles schon ein Jahr her ist. Der Schmerz so tief ist, dass ich ihn selten anschauen kann.

Trotzdem ging das Jahr vorbei.

Es war anstrengend.

Alles an diesem Jahr und ich ahne es wird nicht besser. Es ist noch nicht mal die viele Arbeit, es ist die Verantwortung für alles, es ist der Papierkram, es sind Berechnungen, Ängste, und das Vermissen was es so schwer macht.

Trotzdem bin ich so dankbar, für die letzte Zeit die wir hier zusammen hatten. Es gibt ein Buch , das heißt : Luxus: Privatgeburt. Es geht um Kinder die Zuhause geboren werden. So wie unsere. Photographien und Erzählungen. Intimität, Fürsorge, Wärme und Liebe. Der Schmerz, der die Frau zur Mutter macht, der Zusammenhalt der dafür sorgt , dass das Paar zur Familie wird.

Es sollte auch ein Buch geben: Luxus: Privattod.

Denn am Ende war es das ebenfalls.

Spürbare Liebe und Wärme-so viel davon, Intimität, geborgen zu Hause, Schmerz- so viel davon, Fürsorge – so viel davon. Und Zusammenhalt – bis heute .

Ich kann nicht genug Danke sagen, für all den Zusammenhalt, die Hilfe, das “ für uns da sein“. Das Miteinander. Das macht es erträglicher.

Und jedes Mal wenn ich aus vollem Herzen lache mit meiner Schwester, mit meiner Freundin oder mit den Kindern, dann denke ich daran , wie glücklich Thomas darüber wäre uns zuzuhören. Wie er sich freut über den Klang unserer Stimmen und wie er es genießt , dass wir die Zeit miteinander lachend verbringen.

Er hat es verdient glücklich zu sein.

7 Antworten zu „Ein Jahr geht vorbei”.

  1. Ich kann mir vorstellen, dass er am Ende glücklich war.
    Wegen seiner Familie.
    Wegen dem, was du als Privattod bezeichnest.
    Er war weder allein, noch in irgendwelchen fremden Räumen.
    Zusammenhalt ist wohl der wichtigste Faktor. Über den Tod hinaus.

    Gefällt 2 Personen

  2. Danke, schön, dass Du das sagst. Es ist schade, dass viele es nicht so leben/sterben können. Dabei wünscht sich das wahrscheinlich insgeheim jeder. Oft ist es nicht möglich. Die Zeiten wo die Menschen Zuhause geboren wurden und dort auch starben ist, glaub ich mit dem Verlust des 3-Generationen Haushalt vergessen worden.
    Und alleine ist es auch echt schwer.

    Like

  3. Das kommt immer auf die Situation an. So ganz allgemein kann man das auch nicht sagen.
    Ich habe hier einen Link zu einem Beitrag von mir.

    Mütterchen

    Ich weiß nicht, ob du mich schon angeklickt hast. Da kommt dann vermutlich der Hinweis, dass es Madeinheaven nicht mehr gibt. Allerdings gibt es mich noch. Da bin ich zu finden. Wenn du also möchtest, darfst du gerne bei mir noch mehr lesen.

    Like

    1. Natürlich kann man nie etwas verallgemeinern was Menschenleben und -Sterben betrifft. Wir sind ja alle individuell ! Ich glaube , wenn man die Menschen fragen würde wie sie sterben wollen käme zu einem großen Prozentsatz heraus: einfach tot umfallen. Das wünscht man glaube ich auch allen. Einen Weg von Krankheit über Krankenhaus, über Therapien, Pflegeheim und Hospiz wünscht man glaube ich niemanden so richtig. Und In dem Moment wo klar ist, dass der Weg in den Tod wahrscheinlich ein Leidensprozess mit Schmerzen und Angst wird, wächst bestimmt der Wunsch bei den Liebsten zu sein, nicht alleine zu sein, nicht in der Fremde zu sein. Vielleicht will man seinen letzten Atemzug auch an einem anderen Ort verbringen, der das Gefühl Heimat ebenfalls besetzt, trotzdem ist es dann ein Gefühl von Vertrautheit. Und vielleicht ist genau das dann leider trotz dem großen Wunsch nicht möglich, wegen der medizinischen Versorgung die einfach statt finden muss bei z.B starken Schmerzen, Hilflosigkeit der Angehörigen, Räumlichkeiten die das Ausmaß der Pflege vielleicht auch nicht leisten können. Am Ende geht jeder den Weg der für ihn vorgesehen ist und je leichter er ihn gehen kann umso besser, für alle. Auch für die, die noch eine Weile hier bleiben.

      Like

  4. Schön geschrieben…

    Mein Mann ging vor knapp 4 Wochen nach überraschender, plötzlicher, schwerer Krankheit, die nach nur 5 Monaten ihr Ende fand. Meine zwei tollen Söhne und ich gehen nun zu dritt weiter. Am Anfang war ich hoffnungsvoll, doch das ging leider schnell vorüber..

    Mit der Angst an der Hand

    Und Hoffnung im Gepäck,Das alte Leben ist auf einmal weg….Ich falle auf die Füsse und stehe wieder auf,mach mich wieder groß und geh den Berg hinauf.Der Gipfel ist noch nicht in Sicht,Ich nehm dich an die Hand und ziehe dein Gewicht.Komm mit mir mit,und lass uns siegen,lass uns Statistiken verbiegen.Auch wenn Dein Blick traurig und Deine Augen nass,glaube mir, wir schaffen das!Sie helfen und sie tragen uns in durch diese schwere Zeit,Familie und Freunde, sie schenken uns Geleit.Mit der Angst an der HandUnd Hoffnung im Gepäck,Ich bin jetzt hier bei DirUnd gehe nicht mehr weg.

    Like

    1. So eine schönes Gedicht. Gedanken in Worte zu fassen tut so gut

      Like

    2. Es tut mir so leid für euch, für jeden!

      Like

Hinterlasse einen Kommentar