Andrea hat mich aufs Placebo Konzert in Bonn eingeladen.
Es ist im Kulturgarten, also Open Air und tatsächlich haben wir Glück und die Sonne scheint.
Ich freue mich darauf. Placebos Musik ist besonders, muss sie auch sein, denn ihr Frontmann ist unverwechselbar, etwas skuril und lebt in dieser Musik.
Als ich mich auf den Weg mache , merke ich dass ich kaum aufgeregt bin.
Also schon wieder ein etwas anderes Gefühl.
Wenn ich sonst auf eine besondere Veranstaltung gegangen bin das letzte Jahr, bin ich häufig nervös gewesen, so ein Flattern im Bauch. Weil ich etwas mache ohne Thomas davon zu berichten oder meine Freude mit ihm zu teilen.
Naja, während ich mich noch darüber wundere setzt es dann doch ein.
Diesmal als Erinnerung.
Zuviel Zeit haben wir in der Rheinaue wegen Thomas‘ Behandlungen verbracht .
Ich parke unter dem Krankenhaus und mir fällt ein, dass wir mal notfallmäßig an einem Sonntag dort waren, als Thomas Port ihm eine heftige Thrombose beschert hat. Die Kids und ich verbringen die Zeit im Park, fahren Tretboot und warten auf ihn.
Ich weiß noch, dass er irgendwann mit Heparin entlassen wird und er ins Auto einsteigt und mir auffällt, dass die Braunüle noch im Handgelenk liegt. Gut, dass man mit Kindern immer irgendwo ein Tüchlein rumfliegen hat.


Vor zweieinhalb Jahren in den Rheinaue der Tower im Hintergrund.
Auch gut: hier kenn ich mich echt aus….
Also finde ich Andrea recht schnell, wir holen was zu trinken, gehen Front of Stage und sie stellt mir ihre nette Arbeitskollegin vor.
Es geht pünktlich los. Es ist wie immer auf einem Konzert eine besondere Stimmung.
Alle möglichen Menschen sind da.
Man könnte einfach die Zeit dort verbringen und sie ansehen.
Alt , jung , hip, alternativ, etwas konservativ , Freundinnen , Paare , kurzhaarig , langhaarig einfach alles an Vielfalt was die Menschheit zu bieten hat
Es ist nicht zu voll. Meine Stimmung ok, Andreas‘ scheint auch in Ordnung zu sein.
„Leider“ spielen sie relativ schnell „Happy Birthday in heaven“ . Zusätzlich zu diesem Ort hier, meinen Gedanken im Vorfeld müssen Andrea und ich weinen.
Und irgendwie bleibe ich in dieser Stimmung hängen.

das hat der Frontmann Brian in einem Interview wohl einmal über den Song gesagt.
Nun ja, Andrea und ich sind sehr sehr lebendige Leute….das verrückte ist ja wie immer, dass Trauer zu leben sich einfach nicht lebendig anfühlt. Ja, natürlich ist es eine Emotion die dazu gehört und auch gelebt werden will. Trotzdem ist es in unserem Fall eine Emotion wegen Tod und genauso fühlt es sich an.
Aber ja Tod gehört zu Leben , erst deshalb sind wir lebendig weil es Tod gibt.
Es macht mich so oder so schwermütig und weil Placebo ihr Programm durchziehen und leider einige Hits nicht gespielt werden bleibt es irgendwie dabei.
Auf dem Rückweg erwische ich mich wieder dabei , Thomas berichten zu wollen , wie der Abend war . Ich muss den Stau überwinden und stehe lange vor dem DHL Tower.
Es erinnert mich an einen Tag in den Ferien, als wir Thomas auf der Arbeit besucht haben und im Tower zusammen essen gegangen sind. Die Kids haben sich sehr gefreut Thomas Arbeit mal zu sehen.
Ich bleibe , wie die Autoschlange auch, dort hängen bis jemand hupt , dass ich weiter fahren soll.
Ich höre noch Placebo’s Musik im Kopf:
If I only could make a deal with god….
ja was eigentlich ?
Welchen Deal würde ich eingehen mit Gott damit Thomas noch hier wäre?
Das beschäftigt mich die ganze Autofahrt.
Ich kann ja nur für mein Leben sprechen. Ich würde meins geben damit Thomas weiter lebt aber dann wäre er ja so traurig wie ich, Dieses Leben würde ich ihm auch nicht wünschen.
Vielleicht könnten wir den Deal machen, dass wir beide früh zusammen sterben…
Aber das wäre auch blöd . Dann wären die Kids so schnell alleine und jeder weiß, dass Kinder liebende Eltern länger brauchen als man so denkt .
Ich gebe einfach einige Lebensjahre her , dafür können wir Thomas einmal im Jahr sehen.
Einen Tag um ihm alles zu erzählen, sein Lachen zu hören, ihn einmal im Jahr umarmen, ihn alles zu fragen wo ich keine Antworten drauf habe und ihn einmal noch riechen zu können.
Ich habe keinen Geruch mehr von ihm. Letztes Jahr war es so heiß und seine T-Shirts habe ich ständig gewaschen. Zusätzlich hatte er wenig an. Ich bereue so, dass ich alles gewaschen habe.
Wenn er einmal im Jahr kommen würde, was wäre dann? Ich denke weiter.
Dann wöllten wir ihn nicht gehen lassen und vielleicht könnten wir nie ein neues Leben anfangen. Auch irgendwie schwierig. Außerdem wollen ihn dann alle sehen.
Vielleicht nur die Kinder?
Dass sie ihren Vater sehen? Ihm alles erzählen können und sie mir wiederum alles erzählen können?
Aber was wäre wenn sie an diesem Tag keine Zeit hätten? Es ist gar nicht leicht einen Deal zu machen.
Vielleicht ist es gut das Leben als Deal zu betrachten. Vielleicht ist das ja mein Deal um überhaupt auf der Erde sein zu dürfen, genau dieses Leben zu führen. Einen Menschen zu begleiten, dass er nicht alleine ist mit seinen Sorgen und seinem Weg auf dieser Erde.
Leben für Leben.
Leben um zu lieben.
Leben um zu fühlen.
Also doch wie Brian sagt.
Man ist doch sehr lebendig.


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