Eine Dokumentation, ein Gefühl und eine Email

Gestern kommt im TV noch spät eine Dokumentation über einen Herrn der eine 44 stündige Nahtoderfahrung macht.

Mich interessiert es, beziehe es nicht auf Thomas.

Aber ich werde etwas müde. Es ist einfach zu spät für mich.

Meine Augen fallen zu obwohl ich eigentlich der Erzählung folgen möchte. Aber dann habe ich auf einmal das Gefühl als ob mich jemand berührt. Das T-Shirt am Rücken etwas höher zieht um meinem unteren Rücken zu streicheln.

Ich genieße diese plötzliche Zuwendung. Erinnere mich an Thomas Hände. Eine Berührung die nur jemandem zuteil wird mit dem man sehr vertraut ist und in Liebe verbunden.

Mit fällt auf, dass ich genauso auf der Couch liege wie Thomas als er gestorben ist.

Die Beine auf einem Schenkel der Couch der Oberkörper auf dem Anderen.

Bilder erscheinen in meinem Geist, ich kann sie nicht beruhigen. Zu heftig die Erinnerung.

Der Herr im TV erzählt gerade , dass er all die Zeit an den Maschinen alles gehört hat. Er konnte nichts fühlen. Aber hören alles. Er war genervt von dem Gelaber der Krankenschwestern in der Nacht und hätte am Liebsten gerufen , dass er das alles nicht hören will , er hat gehört, dass manche der Mitarbeiter dachten, dass er gehirntot ist oder eine schwerer Behinderung haben wird – aber er hat auch andere Stimmen und Glaubenssätze gehört. Die seiner Frau, seiner Freunde , von Ärzten und Schwestern die an ihn geglaubt haben. Das hat ihm Mut gemacht nicht auf zu geben, obwohl er sich mehrfach gewünscht hat zu sterben.

Ich hatte meinen ersten Arbeitstag am Dienstag. Ich bin etwas schwermütig hin. Ich parke vor der Palli und fange an zu zittern, dieselbe Palli die uns auch ambulant versorgt hat .

Die Türen sind verschlossen. Man kann nur ahnen was dahinter geschieht

Irgendetwas mit Tod .

Ich nehme meinen Mut zusammen und gehe in den Kreißsaal. Die Türe schließt hinter mir.

Die Menschen davor erahnen was dahinter passiert – irgendwas mit Leben.

Beides sehr faszinierend .

Auf der Palli ist es leise. Der Schmerz ist stumm.

Bei uns ist es oft laut. Schmerzen wird Raum gegeben.

Bestimmt ist ebenfalls – wie auf Palli Angst dabei. Kann ich das schaffen? Geht alles gut? Ein Teil von uns hat Angst zu sterben bei der Geburt. Und bestimmt stirbt auch ein Teil in uns, um etwas Neues gebären zu können.

Diese Angst, dieser Schmerz wird herausgeschrieen. Und es ist okay.

Wir mögen es zu hören, sich dem hinzugeben was da kommt. Dieser Macht Platz zu machen.

Auf der Palli fühlt man diese Angst, diesen Schmerz . Wie sehr wünscht man sich, dass er körperlich wird. Diesen Stein im Herzen und Magen einfach wegzuschreien.

Er hat nur gehört , nicht gefühlt.

Erinnert ihr euch ?

Ich konnte nichts sagen!

Meine Angst so groß, mein Entsetzen legte sich auf meinen gesamten Körper nieder.

Ich streichelte ihm den Rücken. Es ist Okay zu gehen, ich kümmere mich um alles, ich liebe dich, du bist stark. Ich bin stolz auf dich.

Das habe ich in mein Streicheln gelegt .

Warum konnte ich es nicht sagen?

Ich gehe ins Bett. Ich will diesen Beitrag verfassen aber wir haben kein Internet und mein Handyakku ist leer.

Ich klappe den Laptop auf und finde – warum auch immer- eine Mail von einer Dame .

Sie wollte gerne mit Thomas eine Familienaufstellung machen.

Sie verabreden sich am 18.08.2022(!!!) per Mail für den 24.08.2022. der Tag an dem Thomas stirbt.

Er schreibt sehr professionell und liebevoll. Ich spüre, dass die Dame sich auf den Termin freut.

Am 24.08. sehe ich ein fremdes Auto zwischen all denen die mir bekannt sind und ich ahne….

da sitzt jemand vor der Praxis .

Ich gehe hinunter und sage zum ersten Mal einem Außenstehendem , dass Thomas vor ein paar Stunden (!) gestorben ist. Sie tut mir leid. Wie soll sie sich fühlen?

Sie fährt nach Hause. Völlig durcheinander.

Gestern Nacht schreibe ich ihr.

Wie es ihr geht, ob sie Fragen hat, ob ich etwas für sie tun kann…. Es ist so ein Gefühl es unbedingt tun zu müssen. Ja, aktuell kein Internet.

Ich hoffe sobald sie Verbindung wieder da ist, wird sie automatisch gesendet.

Ich bin total aufgewühlt. Aber es ist schon halb zwei. Schlafenszeit, dringend.

Ich spüre Thomas so nah bei mir.

Meine Hand folgt meiner Gewohnheit und ich suche seine neben mir.

Ich drehe mich zur Seite und stelle mir vor wie wir Löffelchen liegen .

Ich schlafe .

2 Antworten zu „Eine Dokumentation, ein Gefühl und eine Email”.

  1. Nein, ich habe solche Erfahrungen, wie du sie machen musstest noch nicht gemacht. Allerdings habe ich im letzten Jahr meine Mutter verloren und in diesem Jahr meine Schwägerin. Ich kann mich nur so weit äußern, dass es in diesem Fall ganz wichtig ist, eine intakte Familie hinter sich zu wissen. Die Freiheit, wenn man den Gedanken hinterher hängen möchte, den Halt und die Ablenkung, wenn man sie braucht. Ohne funktionierende Familie wird das sehr schwierig.

    Like

    1. Hallo, das tut mir sehr leid zu hören! 2 so nah stehende Menschen hintereinander zu verlieren muss heftig sein und ich mag es mir gar nicht vorstellen. Ich wünsche Dir von Herzen viel Kraft. Familie hilft. Ja. Und gute Freunde.

      Like

Hinterlasse einen Kommentar