Wir sind jetzt etwas über drei Wochen hier und Elias und ich haben entschieden in einer Woche zu fahren. Also eine Woche früher wie genehmigt. Luise möchte bleiben weil sie viele Freunde hier gefunden hat. Auch mir ist die Entscheidung etwas schwer gefallen. Der Start war zwar holprig aber ich habe mich an den Alltag hier gewöhnt. Das Programm ist gut, meine Bezugstherapeuten ebenfalls und es erleichtert mich meine Sorgen in einem angemessenen Rahmen zu besprechen.
Elias ist hier einfach nicht so glücklich, es gibt wenige Kinder in seinem Alter und den, den er gefunden reist ebenfalls ab. Und, ganz ehrlich für 12 Jährige ist es einfach nicht optimal hier . Er will seine Ferien genießen und das verstehe ich.
Trotzdem war die Zeit hier gut und die Zeit die Elias und ich zusammen genutzt haben ebenfalls.
Luise war ja leider gar nicht eingeplant bei uns zu sein , sie ist direkt in ein anderes Haus gezogen und so sahen wir sie nur am Wochenende ausgiebig.
Sie muss jetzt alleine mit den Zug zurück fahren. Aber das ist gut. Mit 14 muss man sich in diese Richtung entwickeln und so zeigt sie sich sehr gesund und selbstbewusst. Für mich ist es etwas seltsam . Die Erwartungshaltung einer gemeinsamen Reha wurde nicht erfüllt und jetzt fahr ich auch noch mit einem Kind weniger mach Hause.
Aber nur weil die Reha nicht meine Erwartungen erfüllt hat, heißt es nicht, dass es sich nicht gelohnt hat. Jeder konnte etwas ausarbeiten und wir nehmen viel mit.
Heute habe ich zum ersten Mal Zeit einen ausgiebigen Spaziergang zu machen. Eine Therapie fällt aus -Waldbaden. Das finde ich traurig, denn ich mag Wald und Bäume, wie bestimmt mittlerweile viele wissen.
Also nutze ich die Zeit für den Wald. Und ich verstehe warum die Klinik diese Lage gewählt hat.
Es ist weitläufig und wunderschön. Kein Umfeld um etwas zu unternehmen aber ein Umfeld um achtsam zu sein oder zu werden.
Beim spazieren höre ich Queen. Ich liebe Freddy Mercurys gefühlvolle Stimme und sein und mein Schicksal lässt mich seine Lieder besser verstehen und oft weinen.
Die Bäume geben den Rest dazu und ich lasse meinen Gefühlen freien Lauf.
Es ist anstrengend alles zu organisieren, zu entscheiden, frei zu lassen, sich Fragen zu stellen, ständig Menschen um sich herum zu haben und gleichermaßen alleine zu sein.
Ich bin froh, dass ich im Wald alle Emotionen leben kann.
Elias meinte in einem wundervollen Gespräch zu dritt , dass er besser alleine trauern kann.
Ich kann das verstehen. Ich kann auch besser alleine traurig sein. Trauer lässt sich eben ganz einfach bei Seite schieben. Viel einfacher als Freude oder Wut.
Noch dazu ist Trauer sehr anfällig für Unterbrechungen. Also sprich: ich weine und es kommt jemand vorbei oder ruft an, oft ist dann der Hebel umgelegt und es ist nicht mehr möglich zu weinen.
Umso erleichternder fühlt es sich an ungestört zu trauern. Über alles was man verloren hat und was nicht mehr wiederkommen wird .
Während ich zwei Stunden spaziere sehe ich viele Wege, die sich vor mir auftun.

Zugewachsen Wege, angelegte Wege und manchmal auch nur Trampelpfade. Wo keiner weiß wer sie benutzt und warum gerade diese Pfade immer wieder genommene werden. Eine Äquivalenz zum Leben.
Manche Menschen gehen Wege, wo das Ende gar nicht sichtbar ist und auch der Weg an für sich schmal und kaum erkennbar und trotzdem wird er sie führen. Und vielleicht wird dieser Weg zu einem staubigem Weg und dieser wiederum zu einem einladend angenehmen Weg.

So wie der Weg sich ändert so ändert sich auch meine Stimmung. Eine Baumpaar muss ich einfach umarmen , es macht mich so traurig, einen Hochstuhl muss ich einfach besteigen um die Aussicht zu genießen und ein angebranntes Waldstück bestaunen weil es noch so lebendig ist.
Alles birgt irgendwo eine Erinnerung an Thomas und manchmal fällt mir weitergehen schwer. Wie im echten Leben. Aber als ich auf das Dorf stoße und Freddy „don’t stop me now“ singt spüre ich wie meine Stimmung sich wieder hebt, der Wald sich lichtet und ein See mich einläd meinen Blick in beruhigende Weiten schweifen zu lassen.


Ich kann Thomas spüren und in den Kreislauf des Lebens vertrauen.
„I was born to love you, with every single beat of my heart. I was born to take care of you with every single day of my life“
Ich gehe zurück und freue mich mit Elias ein Eis zu essen.


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