Ich bin den Winter leid – war ich ab Februar schon immer. Obwohl jedes Kind weiß, dass der Februar der knackigste Monat des Winters sein kann, beginne ich nach Primeln Ausschau zu halten.
Ich wünsche mich in den März, auch da wohlwissend, dass der März uns oft rücklinks noch mal Winter bescheren kann, genau wie der April.
Groß angekündigt bringt der Mai nur Regen und im Juni ist es kälter als erwartet. Meine Wetterprognose steht im Gegensatz zu meinen Wünschen : Sonne, blauer Himmel, 15 Grad ab jetzt steigend.
Dabei passt dieses zögerliche Winterende so gut zu meinen Gefühlen .
Die Natur hält noch fest was sie Monate behütet hat. Scheint Angst zu haben es loszulassen, frei zu lassen was in ihr steckt.
Angst vor Frost und Rückschlägen.
Ach, es schneit nochmal. Schnell noch mal alles verbuddeln, noch mal zudecken, keine Blattspitze mehr zu sehen. Keinen Mut für Neuanfang.
Ich kenne das. Ich verstehe das.
Obwohl man es sich wünscht, geht man anstatt Schritte nach vorne, Schritte zurück. Versteckt sich noch mal. Schafft es nicht die Traurigkeit loszulassen, schafft es nicht alte Vorstellungen von einem Lebensmodell hinter sich zu lassen. Ich halte mich fest.
Fest an Thomas, fest an der Vorstellung mit ihm alt werden zu wollen. Fest in dem Gefühl der Trauer, weil ich nicht mutig genug bin Thomas los zu lassen.
Mit jedem Schritt in eine neues Gefühl ist diese Angst da zu vergessen, zu verdrängen, zu enttäuschen.
Habe ich gute Tage, fällt mir auf einmal ein, dass Thomas übrigens gestorben ist und ich erschrecke, weil ich es immer noch nicht glaube.
„Jetzt war er lange genug weg“ erwische ich mein Gehirn beim Denken. Jetzt kann er wieder kommen.
Und dann fällt mir auf , was alles noch kommt obwohl er nicht wiederkommt.
Ein Urlaub, eine Reha, ein Hochzeitstag, die Konfirmation unsere großen Tochter, eine Hochzeit von Freunden, ein kleineres Gartenprojekt und die erste Sonnentage mit Kaffee draußen ohne ihn.
Klar, ich hätte ihn gekocht und rausgebracht aber dann hätten wir beide gesagt : „AHHH , ist das herrlich.“
Ich kann das alleine. Aber ich kann nicht loslassen von dem Wunsch es mit ihm zu zelebrieren.
Ich werde es hergeben müssen, so wie Mutter Natur bald wieder ihre wohlbehüteten Schätze loslassen wird und ihnen beim Wachsen und Gedeihen helfen wird.
Ich werde noch wachsen müssen um meine Gefühle gedeihen lassen zu können. Ich meine die echten Frühlingsgefühle: das zarte Lindgrün, das aufmunternde Gelb von einigen Frühblühern, das wolkenlose Blau des Himmels und die warmen Sonnenstrahlen denen man das Gesicht zu wendet.
Und das alles ohne zu bereuen. Genießen ohne den Satz: was wäre wenn….
Ich habe Angst vor all diesen Momenten ohne Thomas. Und doch sehne ich mich nach ihnen.
Trauer hat auch was mit Ambivalenz zu tun, glaube ich.
Wissen & Nichtwissen
Glaube & Unglaube
Trauer & Freude
Liebe & Leid
Hoffnung & Hoffnungslosigkeit
Wollen & Nichtwollen
Aufgekratzt & Müde
Schlaflosigkeit & Verschlafenheit
Aktionismus & Lethargie
Fähig & Unfähig
Dankbarkeit & Enttäuschung
Dunkel & Hell
Frühling & Winter
Echt & Unecht
Alleine & Zusammen


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