Gefühle und die Menschen

Es ist kein Geheimnis: Die Deutschen sind keine Vorbilder im „Gefühle zeigen“. Argentinien wird Weltmeister und die interviewten Gewinner aus Südamerika weinen und danken öffentlich ihren Familien.

Photo by Juan Manuel Ferraro on Pexels.com

Irgendwie war so viel Gefühl im Fernsehen.  Vielleicht ist es das was fehlt?

Wir sind streng zu uns selber, ohne Leistung kein Erfolg. 

Qualität hat seinen Preis. Ohne Fleiß kein Preis. Der frühe Vogel fängt den Wurm…

Mir fallen bestimmt viele Sprichwörter aus unsere Nation ein mit denen ich aufgewachsen bin.

Könnte es möglich sein, dass dadurch unsere Gefühle etwas auf der Strecke geblieben sind?

Oder anders: ist Tod Misserfolg und damit kann man nicht umgehen?

Mal wieder hab ich keine Ahnung.

Ich fühl mich alleine. Warum? Ich kann mich so glücklich schätzen eine große, liebvolle Familie zu haben, außerdem eine liebevolle Schwiegerfamilie. Noch dazu habe ich Freunde und sich kümmernde Nachbarn. Die ich auch dringend brauche und sei es nur um mir mal eben die Heizung zu entlüften, weil ich den bescheuerten kleinen Schlüssel dazu nicht finde.

Aber ich fühle mich seltsam alleine.

Und das hat – so befürchte ich es jedenfalls- mit meiner Trauer zu tun.

Ich lebe in einer Blase und die anderen in einer anderen Blase. Die Schnittmenge ist klein und empfindlich.

Uns ist etwas passiert was vielen Menschen passiert aber keinem in meinem unmittelbaren Freundeskreis.

Ich kann auf kein Erfahrungsspektrum zurückgreifen und ich kenne niemanden der das das kann.

Somit hat niemand geübt mit der Situation umzugehen. Alle haben es schwer. Schwer mit mir und ich habe es irgendwie schwer mit vielen.

Es gibt Menschen zu denen der Kontakt verloren gegangen ist, weil sie schon die letzten Monate nicht mit der Situation umgehen konnten und somit natürlich auch jetzt nicht. Irgendwie kann ich das sehr gut verstehen weil auch ich am liebsten aus meinem Leben manchmal aussteigen wollte und auch immer noch will. Ich komme da echt mit einem großen Paket um die Ecke. 

Trotzdem kann ich das nicht auffangen. Auch wenn es mir leid tut.

Bin ich in größerer Gesellschaft gibt es immer seltsame Situationen die mich unheimlich anstrengen. Es gibt darunter z.B.  Menschen, die nicht wissen was schreckliches passiert ist, das fühlt sich falsch an. Sie spammen mich mit Alltagsproblem zu die keine Relevanz mehr haben (Obwohl ich sehr wohl Alltagsprobleme habe… ich sag ja : es ist nicht leicht mit mir.)

Dann gibt es die Menschen, die wissen was passiert ist, sie es aber lieber nicht ansprechen. Das fühlt sich seltsam an, denn wenn man diese Menschen zum ersten mal wiedersieht, kann man nicht einfach missachten, das uns etwas sehr schlimmes passiert ist.

Dann gibt es die, die mich nicht beachten, weil sie Angst vor mir haben.

Denn sie wissen nicht was sie sagen sollen. Auf der einen Seite kann ich das verstehe, andererseits fände ich ein einfaches:

„Julia, es tut uns sehr leid, lass uns vielleicht ein anderes Mal darüber reden, hier auf der Party ist es ja eher schlecht“ nicht soo schwer.

Und dann gibt es die, die nur weil ich normal erscheine und auch lachen kann, denken, dass ich mit der Situation ja ganz gut zurechtkomme. Und das auch aussprechen.

Was dann automatisch für mich impliziert, dass ich anscheinend so wirke, als ob Thomas Verlust kaum etwas mit mir macht. und ich somit anfange mich zu hinterfragen ob ich lachen darf oder einen schönen Tag verbringen darf.  Habe ich ein Herz aus Stein?

Dabei ist es für mich folgendermaßen:

Ich lache, weil ich lachen muss, ich bin der Typ der gerne lacht. Ohne Lachen gibt es für mich kein Weinen, es gehört zusammen wie Ying und Yang. Und ich weine, mehr als jemals in meinen Leben zuvor und das ist anstrengend. Also muss ich zum Ausgleich lachen, wobei es sich eher wie ein Automatismus anfühlt, denn wahre Freude dringt nur selten zu mir vor. Ein Beispiel: von einer wunderbaren Freundin bekomme ich einen wunderbaren Adventskalender geschenkt. er ist mit viel Liebe gestaltet und beinhaltet lustige Kleinigkeiten. Es freut mich jeden Tag ein Päckchen aufzumachen, aber die Freude ist so kurzweilig. Ich bin neugierig was in dem nächsten drin ist, sobald ich es in den Händen halte ist es aber eben nur Material und ersetzt natürlich nicht was ich vermisse: Die Liebe die Thomas mir geschenkt hat.

Auch die Sonne dringt nicht richtig in mein Herz. Wie bei Kai, aus dem Märchen, „die Schneekönigin“. Da ist ein Splitter in meinem Herzen und er drückt sehr viel zur Seite, nimmt Raum ein und schmerzt.

In der Trauergruppe meinte jemand zu mir ich bin dunkelbunt, wahrscheinlich trifft es das ganz gut.

Ich ziehe viel schwarz an. Es ist die Farbe mit der ich mich am Besten identifizieren kann. Nach fast vier Monaten kann ich mich auch mal mit einem dunklem Blau oder Grün oder einem Grau abfinden, aber eben dunkelbunt. Und so sind auch meine Gefühle: alles was Freude macht empfinde ich wie durch eine Milchglasscheibe, ich fühle es aber eben milchig.

Trotzdem fühle ich es. Das macht Hoffnung.

Außerdem ist es ein Automatismus zu funktionieren . Schließlich bin ich, wie ihr alle damit aufgewachsen.

Ich muss aufstehen, Kinder, Tiere, Haus, Arbeit dann wieder Kinder, Tiere, Haus. 

Jemand sagt zu mir, du kennst uns doch alle: wir verstehen dich, vor uns kannst du deine Maske fallen lassen.

Nein, kann ich nicht, es ist ein Automatismus. Es passiert einfach, 

Ich funktioniere.

Und das hilft mir auch . Trotzdem fällt so ein Kartenhaus dann eben auch mal schnell zusammen. Es gibt Tage an denen ich keine Kraft habe aufzustehen und mache es trotzdem und der Tag geht vorbei. Ein neuer fängt an, an dem es etwas besser klappt. Es gibt Tage, da gehe ich schluchzend durch den Wald und Tage wo ich innehalte und Fotos von Bäumen aufnehme. Und das muss ich auch . Es ist meine Art zu überleben.

Trauer hat, glaube ich, nicht so viele Farben aber es hat viele Facetten.

Jeder trauert anders. Ich glaube, das weiß jeder aber alle hinterfragen es trotzdem.

Wenn ich weine, wissen sie nicht mit mir umzugehen, wenn ich lache geht es mir ja erstaunlich gut. Die Menschen können nichts dafür, sie meinen es wahrscheinlich gut, sie haben es nicht gelernt. Es gibt für sowas ja auch keinen ultimativen Tipp. Allerdings macht mir das Respekt. Weil es die Leichtigkeit des Miteinander verloren hat.

Nur Menschen, die mich sehr gut kennen und lieben, wissen ohne Worte und obwohl ich lache, dass ich angestrengt bin und oft weinend den Tag beginne oder beende.

Photo by eberhard grossgasteiger on Pexels.com

Hinterlasse einen Kommentar