Herzzerreißende Tränen

“ Ich habe Angst davor, dass Sie gehen. Herr Schabowski.“

„Ja“ sagte er. „ich habe auch Angst.“ Die Tränen liefen ihm über die Wangen, und auch ich weinte, ich reichte ihm die Hand. ich glaube, es gibt nichts Herzzerreißendes als die Tränen eines Menschen der stirbt.

aus Mon Cherie und unsere demolierten Seelen von Verena Rossbacher

Weder Thomas noch ich haben in all den Jahren des Kampfes viel geweint.

Irgendwann meinte Thomas mal zu mir: „Schatz, ich glaube wir haben zu wenig geweint.“

Ja, das glaube ich auch, aber wir haben immer noch nach Möglichkeiten gesucht, waren aktiv, waren in der Hoffnung, wollten nie aufgeben, haben gearbeitet und gelebt.

Ab dem Frühling fließen auch bei ihm immer öfter Tränen. Oft vor Schmerzen und Verzweiflung. Und das verursacht so einen schlimmen Schmerz in mir. Wie gerne würde ich ihm etwas abnehmen.

Im Sommer weinen wir beide oft aus Verzweiflung.

Wir sind beide nicht nah ans Wasser gebaut und er und ich empfinden es zwar als wohltuend aber auch als anstrengend. Zusammen sitzen wir in der Sonne, essen Eis, trinken Kaffee und weinen. Er gibt trotzdem nicht auf. Die Kinder bekommen oft von unseren Gefühlsausbrüchen nichts mit. Sie sind in der Schule oder im Sport. Sie leben ein Leben so normal wie möglich.

Immer befinde ich mich in dem Zwiespalt: was und wie sage ich den Kindern? Sie sollen Kinder sein dürfen. Sie haben durch die lange Krankheit von Thomas eh schon ein anderes Leben als viele andere Kids in ihrem Alter.

Aber sie dürfen auch nichts verpassen oder das Gefühl haben wir verschweigen etwas.

Das schlimmste wäre für mich, dass Thomas für sie überraschend stirbt.

Ich erkläre ihnen von Anfang an , selbst als sie 2 und 3 Jahre alt sind, dass der Papa böse Zellen hat die einfach nicht in den Körper gehören und wichtige Dinge da kaputt machen. Bis heute ist Krebs die „Krankheit mit den bösen Zellen“ obwohl beide alt genug sind die Krankheit zu benennen. Meine schlimmsten Sorgen habe ich damals nicht teilen können weil ich das Gefühl hatte sie waren einfach noch zu klein.

Im letzten Jahr konfrontiere ich sie häufiger damit, dass Thomas sterben kann.

Unser Sohn hat gar keine Lust mit mir darüber zu sprechen deswegen bitte ich ihn, wenn er alleine ist es sich ab und zu vorzustellen wie wohl ein Leben ohne seinen Vater wäre.

Unsere Tochter ist etwas zugänglicher und gibt kleine Weisheiten von sich. Wie z.B. : Nun, er bittet ja immer seine Engel damit sie ihm helfen, So gesehen wäre ja auch das eine Hilfe.

Ich sage sooft ich kann, dass ich für sie da bin, wenn irgendetwas sein sollte, sollen sie zu mir kommen, Wir lachen zusammen. Wir weinen zusammen.

Ich versuche, wann immer möglich , den Schrecken der Krankheit und des Todes von ihren Schultern zu nehmen.

Kinder haben einen großen Spürsinn für alles, deswegen ist es auch Quatsch sie nicht mit ins Boot zu holen, es verunsichert sie am Ende zu stark. Aber ich versuche , wann immer möglich, den Schrecken von Krankheit und Tod von ihnen zu nehmen.

Wir reden über Widergeburt, über Engel, den Himmel über alles was sie sich so vorstellen was nach dem Tod kommen mag. Es hilft. Wir reden darüber wie wir ihn beerdigen wollen wenn er denn tatsächlich sterben sollte, auch das hilft , den Schrecken zu nehmen.

Ich habe beschlossen im Garten eine kleine Gartenhütte ihm zu Ehren zu bauen. Wo wir alles von ihm hinein stellen können. Mit Fotos und Bildern und Geschenken. Die Kinder finden das großartig und als ich Thomas davon erzähle mag er auch diese Idee von einem Ort direkt bei uns.

Alles ist jetzt irgendwie schwer. Auch wenn er sich weigert zu sterben setzt er sich öfter damit auseinander, er weint wenn er an die Kinder denkt die ohne ihn aufwachsen werden und ein Leben ihn vermissend verbringen.

Er hatte so viel schöne Zeit mit ihnen. Ich sage immer : soviel Zeit wie ihr mit eurem Vater verbracht habt hatte keiner den ich kenne.

Sie haben Hotel gespielt, Camel Cup, Kniffel. Sie haben Fifa gezockt und stundenlang über Fußball geredet. Sie haben einen Marvel Serie geschaut und ich wusste, wann immer ich ihnen den Rücken zudrehte wurde das TV angeschaltet.

Sie haben sich geliebt wie drei verrückte.

Sie hatten diese Zeit, die so wichtig war , soviel Dank !!!!

Und jetzt : diese Lücke.

Eine Lücke die ich nicht schließen kann.

Und ja Frau Rossbacher, die Tränen eines Sterbenden zerreißen aber die Tränen der Kinder die um ihren Vater trauern zerreißen ebenso.

Am Sonntag vor dem Mittwoch rufe ich beide zu mir und sage ihnen, dass ich glaube, dass der Papa bald sterben wird. Ich weiß nicht wann. Wir sitzen draußen bei 30 grad auf der Bank vor der Türe und weinen alle drei. Morgen wollen sie nicht zu Schule. Ist ok.

Dienstag wollen beide noch mal gehen, wahrscheinlich eine Flucht. Ist auch ok.

Mittwoch morgen wecke ich sie nicht um 6.

Um halb sieben wachen sie von alleine auf.

Ich gehe hoch, erschöpft von der Nacht, entsetzt von der Tatsache, dass ich meinen Lieblingsmenschen habe sterben sehen und voller Verzweiflung meinen 2 anderen Lieblingsmenschen jetzt das Herz brechen zu müssen.

Luise kommt mir bereits entgegen und sieht mir an, dass was nicht stimmt.

Ich sage heraus wie es ist; Papa ist gestorben! WAS?

Elias ruft aus seinem Zimmer panisch: was ist passiert?

Papa ist gestorben.

Wir weinen in seinem Bett und langsam gehen wir ins Wohnzimmer nach unten, wo er liegt, meine Mutter, meine Schwester bei ihm.

Sie kuscheln mit ihm, sie weinen.

Wir rufen seine Eltern an , seine Schwester.

Am Telefon breche ich weitere Herzen.

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