
Ich bewundere ihn damals wie heute für diesen nicht enden wollenden Lebenswillen.
Zwei Wochen ging die Bestrahlung und wurde noch etwas verlängert um noch eine kleine Metastase die sich auf der Haut zeigte mit zu bestrahlen.
Er war jetzt häufig abgeschlagen und müde. Er verbrachte weniger Zeit im Garten, weil er oft zu erschöpft war den Weg zurück ins Haus zu schaffen. Trotzdem gibt es Fotos von ihm, die ihn im Pool mit unserer Tochter zeigen. Zwei Wochen bevor er starb.

Das Leben wurde schwer für ihn. Die Schmerzen waren trotz Pumpe besonders morgens sehr stark und wir weinten jetzt viel zusammen.
Er brauchte mich wie nie. Ich war seine Stütze, seine Kraft, seine Hilfe in Allem. Ich ging nicht mehr arbeiten. Immer wieder kam auch Atemnot und Panik dazu. Er brauchte mich zum Beruhigen, Streicheln, liebevolle Dinge erzählen, dann kam er langsam wieder zurecht.
Die Schule fing wieder an. Der Kopf war zu Ende bestrahlt, die Hautmetastase wurde noch bestrahlt.
Am Sonntag, den 21. 08 kam er irgendwie nicht mehr richtig zu sich. Morgens war es immer schwer, aber an diesem Tag blieb der Turn aus.
Er war verwirrt, sprach undeutlich, nuschelnd. Machte fahrige Bewegungen. Der Hospizdienst wurde eingeschaltet. Die freundliche Dame rief am nächsten Tag an. Zu einer Vorstellung kam es nicht mehr.
In der Nacht kamen neben Unruhe, Toilletendrang, Atemnot und Verwirrtheit rasselnde Atemgeräusche hinzu wenn er schlief.
Ich bekam Panik und rief den Palliativdienst an.
Die Schwester am Telefon meinte das wäre normal und Thomas könnte die Nacht bereits sterben!
Was sagt sie da??? Wie kommt sie darauf??? Warum kommt sie nicht???
Bis jetzt hat niemand davon geredet, dass er so schnell sterben wird!
Ich habe Panik, übergebe mich, rufe noch zwei mal den Palli-Dienst an – ohne Erfolg.
In meiner Not rufe ich meine Mutter an. Thomas bekommt von all dem irgendwie nichts mit.
Er ist mit seinem Geist in einer Welt der ich nicht folgen kann.
Meine Mutter macht sich um halb vier auf den Weg zu mir, in der Zwischenzeit bitte ich meine Nachbarin mit mir Händchen zu halten.
Ich liebe meine Mutter sehr dafür, dass sie kommt, dass sie das Telefon neben dem Bett hatte, wohlwissend was vielleicht passieren könnte und dass ich sie vielleicht brauchen werde. Mütter- nicht immer einfach und trotzdem immer liebend für ihre Kinder da.
Thomas schläft aktuell, seine Atemgeräusche machen mich fix und fertig.
Am nächsten Morgen steht er mit mir auf, frühstückt etwas zaghaft und trinkt Eiskaffee. Ich bin froh Nutella da zu haben, denn er isst es so gerne.
Wir verbringen viel Zeit auf der Couch. Mal ist er anwesend, mal nicht.
Eine Dame vom Pallidienst kommt. Zum Glück die Liebste die sie haben.
Sie sagt, er hat sich auf den Weg gemacht. Wie lange er noch bleibt kann man nicht sagen. Er ist jung und er ist stark.
Ich rede mit den Kindern. Ich sage, dass ihr Vater sterben wird, dass man nicht weiß wann, aber dass es gut möglich ist die nächste Zeit.
Wir weinen zu dritt bitterlich. Die Kids gehen am Montag nicht zu Schule, am Dienstag wieder. Sie dürfen selber entscheiden.
Thomas und meine Familie sind jetzt oft und lange da.
Alle sehen jetzt was ich seit dem Frühjahr denke.
So leben wir den Montag und den Dienstag. Meine Mutter bleibt, auch meine kleinste Schwester bleibt bei mir.
Am Dienstag schlafen wir beide auf der Couch, er schafft die Treppe nicht mehr hoch.
Wir haben eine unruhige Nacht.
Panik, Atemnot, WC, kein Schlaf in Sicht für ihn. Er kann sich nicht hinlegen wegen der Luftnot, außerdem ist es anstrengend sich immer wieder aufzurichten. Aber er ist auch nicht so anwesend um mit mir zu sprechen.
Um viertel nach fünf kommt er etwas zur Ruhe. Er döst im Sitzen, den Kopf auf die Hände gestützt.
Ich sitze gegenüber von ihm und schaue ihn an.
Um halb sechs lässt er sich langsam zur Seite sinken und ich denke noch: was macht er denn jetzt?
Dann höre ich wir er einen langen, tiefen Atemzug macht.
Eine Atempause einlegt und da weiß ich, dass er geht, ins Licht in die Erlösung, zu einer neuen Aufgabe, seinen Körper hinter sich lässt.
Ich setzte mich zu ihm. Ich kann nichts sagen, das Entsetzen zu groß. Das Ungeheuer hat mich besetzt.
Ich streichele seinen Rücken.
Er atmet noch einmal tief und friedlich, eine Befreiung und irgendwie schön anzuhören.
Dann atmet er nicht mehr.
Ich kann es nicht glauben. Nicht in diesem Moment und auch heute nicht.
Ich wecke meine Ma und meine Schwester.
Sie trauern, gleiches Entsetzen, wahrscheinlich ein anderes Ungeheuer.
Sie helfen mir ihn schön hinzulegen.
Wir weinen, wir schaffen Ordnung von dem Chaos der Nacht, wir zünden eine Kerze an, wir öffnen das Fenster und sehen den Sonnenaufgang. Wir sagen nichts. Nur : Thomas.
Um halb sieben werden die Kinder wach, sie wollten eigentlich zur Schule.
Mama, kannst du es ihnen sagen? Nein, es ist meine Aufgabe. So wie alles ab jetzt.


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